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„Bodenschätze“ in Bergkamen

Teile des Schwertes bei der Restaurierung durch Dunja Ankner-Dörr in der Restaurierungswerkstatt der LWL-Archäologie für Westfalen. Foto: LWL/Burgemeister
Teile des Schwertes bei der Restaurierung durch Dunja Ankner-Dörr in der Restaurierungswerkstatt der LWL-Archäologie für Westfalen. Foto: LWL/Burgemeister

Bergkamener Grabfunde sind einzigartig

Auf den ersten Blick war es nur ein Haufen verrostetes Metall. Was sich unter den Werkzeugen der Restauratoren des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) als kleine Sensation entpuppt hat, war bei seiner Entdeckung optisch kaum vom Boden zu unterscheiden, in dem es lag. Inzwischen haben die Wissenschaftler herausgefunden: Diese Grabbeigaben sind einmalig, in Bergkamen (Kreis Unna) lag ein 1.300 Jahre alter Schatz verborgen.

Auch die Schildbuckel wurden sorgsam und aufwändig in der Restaurierungswerkstatt bearbeitet. Foto: LWL/Burgemeister
Auch die Schildbuckel wurden sorgsam und aufwändig in der Restaurierungswerkstatt bearbeitet.
Foto: LWL/Burgemeister

„Als wir 2011 bei der Erschließung des Gewerbegebietes an der A2 diesen Fund machten, wussten wir nicht, was wir in Händen halten“, so Prof. Dr. Michael Baales von der LWL-Außenstelle Olpe . Unter fast einem halben Meter Erde verbargen sich drei Gräber aus dem frühen Mittelalter. Die meisten Funde enthielt das „Grab des „Kriegers“. Im Rumpf- und Kopfbereich wurden dem Toten neben der Spatha, einem langen zweischneidigen Schwert, und dem Sax – einem scharfen Kurzschwert – auch drei Schilde, eine Lanze und ein Pfeilbündel mit ins Ost-West-orientierte Grab gegeben.

Der Mann, der hier in einem 2,4 Meter langen und 1,5 Meter breiten Kammergrab vor gut 1.300 Jahren beigesetzt wurde, war nicht einfach nur ein Krieger mit wertvoller Waffenausrüstung. Die Untersuchungen belegen: Dieser „Bergkamener“ war ein ganz besonderer Mensch und spielte eine wichtige gesellschaftliche Rolle.

Die Beschläge und Schnallen des Leib- und Spathagurtes des "Kriegers von Bergkamen". Foto: LWL/Brentführer
Die Beschläge und Schnallen des Leib- und Spathagurtes des „Kriegers von Bergkamen“.
Foto: LWL/Brentführer

Das Bergkamener Stadtmuseum ist an einer Ausstellung interessiert. Es gab bereits eine Besichtigung der Funde in der Restaurierungswerkstatt der LWL-Archäologie für Westfalen, um die Weichen dafür zu stellen. Auch im Rahmen der Landesausstellung, die im Jahr 2015 die besonderen archäologischen Höhepunkte aus NRW im LWL-Museum für Archäologie in Herne präsentieren wird, soll der Bergkamener Fund eine der Hauptrollen spielen.

„Dieses Ensemble ist in seiner Zusammensetzung und Qualität herausragend und einzigartig“, schildert LWL-Archäologin Dr. Eva Cichy, die sich mit der Auswertung der Funde befasst. „Viele Besonderheiten sind erst deutlich geworden, nachdem unsere Restauratoren die Funde bearbeitet hatten“, betont sie. Unter den Händen und hochspezialisierten Werkzeugen der Restauratorin Dunja Ankner-Dörr traten Schritt für Schritt Verzierungen insbesondere der Schwertgurtbeschläge hervor, die ihresgleichen suchen. „Die Art und Ausführung machen diesen Fund noch wertvoller für die Wissenschaft“, so Cichy.

Aus Silber und Buntmetall sind die feinen Verzierungen der Gürtelgarnitur des Schwertes. Vielfarbig zeigen sie abstrahierte Tiere und geometrische Ornamente. Diese Verzierungen sind vor allem aus dem Süden Deutschlands bekannt. Ähnlich gut erhaltene Garnituren sind nur aus Gräbern unter dem Dom in Xanten und aus einem Soester Grab geläufig – nicht aber in dieser Vollständigkeit und Qualität.

Die Bergung des Fundes in Bergkamen. Foto: LWL
Die Bergung des Fundes in Bergkamen.  Foto: LWL

Im Rahmen eines Forschungsprojektes der Altertumskommission für Westfalen, die in Kooperation mit der LWL-Archäologie für Westfalen alle frühmittelalterlichen Schwerter Westfalens untersucht hat, entdeckten die Experten noch mehr: Im 3-D-Computertomographen zeigte sich, dass die Spatha aus dem 7. Jahrhundert einen vielteiligen Aufbau aus zwei Schneiden und acht Kompositstäben hat. Es gibt nur wenige ähnliche Schwerter, seine Herstellung war also sehr aufwändig. Auch die ehemals auf der Klinge sichtbaren Schweißmuster belegen, dass hier filigrane und sorgfältige Handwerkskunst angewandt wurde. Das Fell, das als Futter in der Schwertscheide verwendet wurde, konnte als Ziegenfell identifiziert werden. „Diese Waffe zeigt, dass der Tote einen hohen gesellschaftlichen Status hatte“, betont Ulrich Lehmann., der schon viele Schwerter erforscht hat.

Mittelfristig soll „der Krieger von Bergkamen“ im LWL-Museum für Archäologie in Herne, dem zentralen Museum für Westfalen, gezeigt werden.. Dagegen sollen die Funde aus einem weiteren Grab, das ebenfalls in Bergkamen unweit des „Kriegers“ entdeckt wurde, ständig in Bergkamen zu sehen sein. Filigrane Glasperlen, eine weitere Gürtelgarnitur und Keramikgefäße verweisen auf eine Frauenbestattung.

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Spektakuläre Datierungen: „Nach Aachen kommt Corvey“

Die Untersuchungen haben gezeigt: Dieser Balken stammt aus der Zeit um 835 und ist damit das zweitälteste Stück Bauholz in Nordrhein-Westfalen. Foto: LWL
Die Untersuchungen haben gezeigt: Dieser Balken stammt aus der Zeit um 835 und ist damit das zweitälteste Stück Bauholz in Nordrhein-Westfalen. Foto: LWL

Älteste Bauhölzer im Kloster Corvey
sind über 1150 Jahre alt

Ein Holzbalken im Kloster Corvey stammt aus den Jahren um 835 und ist damit das zweitälteste erhaltene Bauholz in Nordrhein-Westfalen. Das hat eine C14-Radiokarbon-Datierung und die Dendrochronologie (Untersuchung der Jahresringe) ergeben. Experten der Universität Bamberg haben die Bauhölzer aus dem karolingischen Westbau der Klosterkirche Corvey untersucht, weil der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zur Zeit die Baugeschichte der Klosterkirche erforscht.

Die Experten haben kleine, früher vermauerte Holzkeile und ein Balkenstück untersucht. Überrascht waren sie von der Datierung des Balkenstückes, das ursprünglich Teil einer Dachkonstruktion war und im 13. Jahrhundert im Nordturm eingebaut wurde. „Die Konstruktionsmerkmale ließen schon auf ein hohes Alter schließen. Dendrochronologisch wurde dieses Holz jetzt in die Jahre um 835 datiert. Damit gehört es also noch in die erste Bauphase des Klosters vor der Errichtung des Westbaus“, erklärt LWL-Bauforscher Peter Barthold. Diese Datierung haben zwei Labore unabhängig voneinander bestätigt.

Die Keile aus den Wandpfeilern des Johannes-Chores, an denen die nicht mehr erhaltenen karolingischen Stuckfiguren befestigt waren, weisen Bearbeitungsspuren und Mörtelanhaftungen aus der Bauzeit auf. Da diese wichtigen Spuren erhalten bleiben sollten, konnten die Keile nicht aufgeschnitten werden. Stattdessen wurden einige Keile mit einem Computertomographen (bei der Firma Carl Zeiss) in Aalen gescannt und anschließend Fotos daraus gemacht. Die auf diesen CT-Fotos erkennbaren Jahrringe hat Dr. Thomas Eißing an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg dendochronologisch ausgewertet. Dabei ermittelte er ein Fälldatum zwischen 880 und 885.

„Diese Bauhölzer sind etwas Besonders, schließlich gibt es in Nordrhein-Westfalen außer Fragmenten im Aachener Dom kein vergleichbares Bauholz aus dieser Zeit. Und bauzeitliche Dachwerke sind leider bei keinem einzigen karolingischen Gebäude erhalten geblieben“, erklärt Eißing.

Es ist zwar nur sehr wenig Bauholz aus dem 9. Jahrhundert erhalten. „Für die Geschichte der Klosteranlage Corvey ist es aber von großer Bedeutung. Denn mit der Altersbestimmung des Holzes haben wir jetzt die Angaben in archivalischen Quellen und die kunstgeschichtlichen Einordnungen naturwissenschaftlich abgesichert“, erklärt Dr. Kristina Krüger, die im Auftrag des LWL den letzten Teilband der wissenschaftlichen Buchreihe zur Klosterkirche Corvey bearbeitet.

Möglich wurde diese Untersuchung durch die finanzielle Unterstützung der Stadt Höxter, der Sparkasse Höxter, der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold, der Gas- und Wasserversorgung Höxter und den Kulturfreunden Corvey.

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Archäologie: Ein bewegtes archäologisches Jahr

Die Zähne von Flugsauriern oder das Innenleben mittelalterlicher Schwerter, die „stillen Örtchen“ der Paderborner Stiftsherren oder Bestattungsrituale in der Jungsteinzeit: Die Archäologen und Fossilforscher waren auch im vergangenen Jahr Themen im westfälischen Boden auf der Spur. Das zeigt die Jahrestagung, mit der der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) am Montag, 24. März, in Münster Einblick in das zurückliegende archäologische Jahr gibt.
47263Auch jenseits von Funden gab es Neuigkeiten. „Das Land Nordrhein-Westfalen hat ein neues Denkmalschutzgesetz bekommen, das nicht nur unsere Arbeit verändert und beeinflusst, sondern auch in viele andere Bereiche des Alltags hineinwirkt“, so der Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen, Prof. Dr. Michael M. Rind. Deshalb eröffnet auch ein Vortrag über die wichtigsten Gesetzesänderungen die Jahrestagung, zu der nicht nur Wissenschaftler, Paläontologen und Archäologen eingeladen sind, sondern auch alle, die sich ehrenamtlich für die Bewahrung unserer Altertümer einsetzen oder an der regionalen Geschichte interessiert sind.

Von der frühesten Vorzeit bis in die jüngere Vergangenheit reicht der Querschnitt der Themen, mit dem sich auch Gastreferenten aus verwandten Wissenschaften beschäftigen. Es geht um Forschungsmethoden, wenn etwa 3-D-Röntgen-Computertomografie Schwerter durchleuchtet oder 14C-Untersuchungen Aufschluss über steinzeitliche Knochen geben. Alle Teiregionen sind abgedeckt, wenn die 14 LWL-Referenten vom Sauerland über das Münsterland bis nach Ostwestfalen oder an den Hellweg blicken.

Die Tagung im „Speicher 10“ in Münster-Coerde beginnt um 9 Uhr und wird von LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale eröffnet. Dr. Thomas Otten vom NRW-Bauministerium spricht ein Grußwort.

Das Tagungsprogramm und Anmeldmöglichkeiten gibt es unter http://www.lwl-archaeologie.de.

Termin:
24. März 2014, 9 bis ca. 18 Uhr, Jahrestagung der LWL-Archäologie für Westfalen, An den Speichern 10, 48157 Münster

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5.000 Jahre Megacity

3D-Rekonstruktion des seleukidischen Resch-Heiligtums, 3. Jh. V. Chr. © artefacts-berlin.de; wissenschaftliches Material: Deutsches Archäologisches Institut
3D-Rekonstruktion des seleukidischen Resch-Heiligtums, 3. Jh. V. Chr.
© artefacts-berlin.de; wissenschaftliches Material: Deutsches Archäologisches Institut

Megacity hatte alles, was Großstädte der Gegenwart auszeichnet

Mit einer Ausstellung über „Uruk“ im heutigen Irak erinnert ab Sonntag (3.11.) das LWL-Museum für Archäologie in Herne an die älteste bekannte Großstadt der Menschheit vor 5.000 Jahren. Auf 800 Quadratmetern zeigt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bis zum 21. April nächsten Jahres über 300 Exponate von Tontafeln mit Keilschrift über digitale Architekturmodelle bis zur 1,05 Meter hohen „Uruk-Vase“ aus der Stadt mit einst 40.000 bis 50.000 Einwohnern.

Die „Megacity Uruk“ hatte alles, was Großstädte der Gegenwart auszeichnet: Wasserversorgung, Straßenbau, intensiven Handel, kulturelle Zentren und nach der Erfindung der Schrift – die Bürokratie. Bekannt ist Uruk auch durch ihren legendären König Gilgamesch, dessen Heldentaten in einem der ältesten Mythen der Welt beschrieben werden.

3D-Rekonstruktion der von König Urnamma errichteten Zikkurrat für die Liebes- und Kriegsgöttin Inanna/Ischtar, Uruk, III. Dynastie von Ur, um 2110 v. Chr. © artefacts-berlin.de; wissenschaftliches Material: Deutsches Archäoogisches Institut
3D-Rekonstruktion der von König Urnamma errichteten Zikkurrat für die Liebes- und Kriegsgöttin Inanna/Ischtar, Uruk, III. Dynastie von Ur, um 2110 v. Chr.
© artefacts-berlin.de; wissenschaftliches Material: Deutsches Archäoogisches Institut

„Metropolen sind keine Erfindungen der Moderne. Ob es um Kreditsysteme geht, Eheverträge, Lieferscheine oder mehrsprachige Wörterbücher – im hochentwickelten Uruk gab es das bereits“, sagte LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch bei der Vorbesichtigung der Leihgaben aus London, Paris und Berlin, die der Besucher auf einem Themenrundgang in Herne erlebt. Weil die Keilschrift der Stadtbewohner entziffert sei, könne der Ausstellungsbesucher zum Beispiel Getreide- und Fischrationen der Arbeiter in Uruk, aber auch Probleme mit dem Abwassermanagement und das Schulwesen nachvollziehen.

„Uruk ist die älteste bekannte Großstadt der Menschheit, sozusagen die Wiege der Zivilisation“, so Prof. Dr. Markus Hilgert von der Deutschen Orient-Gesellschaft zu Berlin, über die Stadt, die zirka 300 Kilometer südlich vom heutigen Bagdad lag. „Uruk bildete den Auftakt einer blühenden Stadtkultur in Mesopotamien, die erst im ersten Jahrtausend vor Christus von Babylon übertroffen werden sollte.“

Sogenannte Uruk-Vase. Uruk, Uruk-Zeit, 4. Jt. V. Chr., Marmor. Bagdag, Iraq Museum, Gipsabguss Berlin, Vorderasiatisches Museum. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Sogenannte Uruk-Vase. Uruk, Uruk-Zeit, 4. Jt. V. Chr., Marmor. Bagdag, Iraq Museum, Gipsabguss Berlin, Vorderasiatisches Museum.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Vor 100 Jahren begannen deutsche Forscher mit der systematischen Ausgrabung. Aus diesem Anlass zeigt das LWL-Museum in Herne als zweite und letzte Station nach Berlin die umfassende Zusammenschau der Entdeckungen aus Uruk. Hilgert: „Schon 1913 war für uns ein Uruk-Jahr. Fast täglich konnten die Forscher damals von aufsehenerregenden Grabungsergebnissen berichten.“

„Im vierten Jahrtausend vor Christus entwickelte sich in Uruk vieles, was später wie selbstverständlich das Funktionieren einer Stadt garantierte und Voraussetzung für das Zusammenleben in einer Großstadt wurde: Stadtverwaltung, Infrastrukturmaßnahmen, Arbeitsteilung, Versorgung der Bevölkerung, Repräsentation der Stadt und ihrer Elite sowie politisches Handeln in größeren Regionen“, erläuterte Dr. Margarete van Ess von der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin.

Maske des Dämons Humbaba, Sippar, altbabylonisch, 20. - 17. Jh. V. Chr. © Royal Museums of Art and History, Brüssel
Maske des Dämons Humbaba, Sippar, altbabylonisch, 20. – 17. Jh. V. Chr.
© Royal Museums of Art and History, Brüssel

Im südlichen Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris gab es fast nur Lehm. Trotzdem entwickelte sich eine Großstadt auf 5,5 Quadratkilometern. „Das Konzept Stadt wurde schnell zur überzeugenden Lebensform nicht nur in der Region, sondern im gesamten Vorderen Orient und je nach sozialen und politischen Erfordernissen ausgebaut“, so Dr. Nicola Crüsemann, Kuratorin von der Curt-Engelhorn Stiftung für die Reiss-Engelhorn-Museen (Mannheim).

Terrakotta-Relief: Gilgamesch und Enkidu im Kampf mit Humbaba. Altbabylonisch, 18.-17. Jh. V Chr., gebrannter Ton. Berlin, Vorderasiatisches Museum. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Terrakotta-Relief: Gilgamesch und Enkidu im Kampf mit Humbaba. Altbabylonisch, 18.-17. Jh. V Chr., gebrannter Ton. Berlin, Vorderasiatisches Museum.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Tontafeln, Siegel, Architektur-Modelle und Rauminstallationen erzählen in der Ausstellung Ge-schichten aus dem Alltagsleben in der Stadt. Multimediale Elemente ergänzen die Exponate. So taucht der Besucher auf seinem Rundgang ein in die älteste Großstadt der Welt und bemerkt, dass sich das Phänomen Großstadt prinzipiell kaum geändert hat.

Gilgamesch-Epos als Einstimmung
Das berühmte und älteste bekannte Epos um den legendären König Gilgamesch stimmt den Besucher zu Beginn auf die Ausstellung ein: Als König der Stadt Uruk will er seine Kräfte mit der Welt messen und strebt nach Unsterblichkeit.

Archaische Tontafel mit der Berechnung der für die Herstellung verschiedener Getreideprodukte und für die Bierherstellung erforderlichen Getreidemenge. Uruk, Ende 4. Jt. V. Chr. Berlin, Vorderasiatisches Museum. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/Olaf M. Teßmer
Archaische Tontafel mit der Berechnung der für die Herstellung verschiedener Getreideprodukte und für die Bierherstellung erforderlichen Getreidemenge. Uruk, Ende 4. Jt. V. Chr. Berlin, Vorderasiatisches Museum.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/Olaf M. Teßmer

Gemeinsam mit seinem Freund Enkidu zieht er in die Welt hinaus und kehrt als geläuteter Herrscher zurück, dessen Bauwerke – insbesondere die Stadtmauer – den Menschen Schutz bieten und eine kulturelle Entfaltung erst ermöglichen. Tatsächlich wurde eine Mauer entdeckt. Der Bau dieser neun Kilometer langen und bis zu neun Meter breiten Konstruktion zeugt von architektonischem Können und Organisationstalent, zahlreiche Siegel und Tontafeln belegen das ausgeklügelte Verwaltungssystems Uruks.

Tontafel: Lexikalische Liste mit 58 verschiedenen Schweinebezeichnungen. Uruk, Ende 4. Jt. v. Chr. Berlin, Vorderasiatisches Museum. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Tontafel: Lexikalische Liste mit 58 verschiedenen Schweinebezeichnungen. Uruk, Ende 4. Jt. v. Chr. Berlin, Vorderasiatisches Museum.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Der erste Lieferschein der Welt
In einer Installation ist die Urform des Lieferscheins zu sehen: Form und Größe kleinerer Tonfiguren, sogenannte Tokens, gaben Aufschluss darüber, was geliefert werden sollte. Diese Tokens verschloss man anschließend in einer handgroßen Tonkugel. So war der Kunde in der Lage, die Lieferung anhand der Tokens zu überprüfen. Aus dem Umgang mit Token entwickelte sich über Zwischenschritte die Schrift.

Schon damals spielte Bier eine große Rolle. Es war in Uruk ein Kulturgetränk und Grundnahrungsmittel, das auch den Göttern geopfert wurde. Da es ungefiltert war, trank man es mit Strohhalmen. Auf einer „Bierrezept“-Tafel ist nachvollziehbar, wie viel Getreide für die Biererstellung nötig war.

Neben Gemeinsamkeiten mit modernem Großstadtleben gab es aber auch Unterschiede. Im Gegensatz zu heute waren Kult und Religion nicht von Wissenschaft und Politik getrennt. Wie wichtig den Menschen damals Religion, auch in Verbindung mit Macht und Herrschaft, war, kann der Besucher in einer Rekonstruktion des Heiligtums der Stadtgöttin Inanna-Ischtar selbst erfahren.

Eines der berühmtesten Objekte ist die Dame von Warka – auch „Uruk-Kopf“ genannt. Dabei handelt es sich um einen maskenartigen Frauenkopf, dessen Augen und Augenbrauen freistehen, da dort ursprünglich Edelsteine eingelegt waren. Wahrscheinlich wurde hier die Stadtgöttin dargestellt. Dieser Kopf wurde vermutlich an der Wand eines Tempels befestigt und war Bestandteil eines Kultes.

Wahrsagerei
Einen zentralen Aspekt im Leben der damaligen Gesellschaft bildeten Magie und Kult. Ein Orakelspruch aus Uruk lautete: „Wenn die Gedärme aussehen wie Humbabas Gesicht, kommt Unheil.“ Die heute skurril anmutende Eingeweideschau war eine der wichtigsten Wahrsagemethoden. Wahrsagerei war eine feste Institution, genutzt vom König und vom einfachen Arbeiter, um den alles bestimmenden Willen der Götter zu erahnen oder auf sich geladenes Unheil abzuwenden..

Vokabeln lernen vor 5.000 Jahren
In Uruk gehörte eine Schreib- und Sprachausbildung zum Unterrichtsstoff junger Gelehrter. So fanden die Archäologen Listen mit Vokabeln zu unterschiedlichen Themen: Listen mit Gefäßbezeichnungen, mit Eigenschaften von Gottheiten oder mit Namen. Eine ganz besondere Liste stammt aus dem 4. Jahrtausend vor Christus: Sie nennt auf einer Tontafel 58 verschiedene Schweinearten.

Dr. Constanze Döhrer vom LWL-Museum für Archäologie: „Ob diese Tafel von einer besonderen Vorliebe für Schweinebraten zeugt, von einer besonderen Wertschätzung des borstigen Allesfressers oder einfach von einer großen sprachlichen Vielfalt in Uruk, ist unklar. Tatsächlich trafen in diesem kulturellen Zentrum Menschen aus verschiedenen Regionen aufeinander, was die große Vielfalt an Schweinearten und -namen erklären könnte. Vielleicht konnte man sich im Wohlstand der großen Stadt auch eher die Haltung des anspruchsvollen Tieres leisten. Schweine fressen Nahrung, die normalerweise Menschen vorbehalten ist. Darüber hinaus können sie weder als Zug- oder Lasttiere, noch als Milch-, Fell- oder Wolllieferanten dienen. Im 2. und 1. Jahrtausend vor Chr. werden Schweine daher kaum noch gehalten.“

Fastfood und Wegwerfgeschirr

Auf dem Wege Uruks zur Großstadt kam es zu großen gesellschaftlichen Umwälzungen: Es entstanden Arbeitsteilung und Massenproduktion. Die Menschen waren nicht mehr Selbstversorger, sondern gingen zur Arbeit. Ein von der Elite gesteuertes Versorgungssystem war für die Aufteilung grundlegender Güter zuständig.

Davon zeugen beispielsweise die sogenannten „Glockentöpfe“: schlichte, standardisiert hergestellte Keramikgefäße, die tausendfach bei Ausgrabungen zu Tage kamen. Spuren des Gebrauchs fehlen meistens. Alles deutet daraufhin, dass es sich bei den Glockentöpfen um ein einfaches Wegwerfprodukt handelt, vergleichbar mit dem heutigen Plastikgeschirr.

Alte Verwaltungstexte aus Uruk belegen eine Zuteilung von Essensportionen an die Arbeiter. Von besonderer Bedeutung ist hierbei, dass das Wort für „Ration“ aus zwei Bildern zusammengesetzt ist: einem menschlichen Kopf und einer Schale. Daher wird angenommen, dass diese Glockentöpfe dazu dienten, die Arbeiter am Arbeitsplatz mit ihrer täglichen Nahrungsration zu versorgen. Archäologen vermuten, dass es sich bei der Einteilung von Rationen in diesen Glockentöpfen um eine Art Bezahlung der Arbeiter gehandelt haben könnte. Diese bestand wahrscheinlich aus Brot oder einer Art Bierbrei.

Da die Töpfe kaum Gebrauchsspuren aufweisen, spricht vieles dafür, dass es eine Art Mittagspause gab, bei der die Arbeiter zusammen mit ihren Kollegen aßen und die Glockentöpfe danach einfach wegwarfen.

Die Wiederentdeckung Uruks hat ihre eigene Geschichte. Ein Bereich der Ausstellung widmet sich mehr als der 100-jährigen Forschungsgeschichte rund um Uruk. Obwohl bisher nur fünf Prozent der einstigen Großstadt ausgegraben sind, können Archäologen und andere Wissenschaftler das Leben der Menschen von Uruk in vielerlei Hinsicht nachvollziehen.

Im Vorderasiatischen Museum in Berlin hatte die Sonderausstellung von April bis September 2013 über 400.000 Besucher. Das Vorderasiatische Museum konzipierte diese Ausstellung in Kooperation mit der Curt-Engelhorn-Stiftung für die Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts und der Deutschen Orient-Gesellschaft.

Link zum Film: http://www.uruk.lwl.org/media, weitere Filmausschnitte auf Anfrage:
presse@lwl.org

Der gleichnamige Katalog zur Ausstellung kostet:
24,95 Euro bei Mitnahme vor Ort
39,95 Euro im webshop inkl. Versand

Weitere Informationen:
Leihgaben u. a. von
– British Museum in London
– Louvre in Paris
– Staatliche Museen zu Berlin

Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Freitag 9 Uhr bis 17 Uhr
Donnerstag 9 Uhr bis 19 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag 11 Uhr bis 18 Uhr
geschlossen am 24., 25. und 31. Dezember sowie am 1. Januar
http://www.uruk.lwl.org

LWL-Museum für Archäologie Herne
Westfälisches Landesmuseum
Europaplatz 1
44623 Herne
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Maske des Humbaba aus Sippar. Altbabylonisch, 18./17. Jh. V. Chr., gebrannter Ton. London, British Museum. © The Trustees of the British Museum
Maske des Humbaba aus Sippar. Altbabylonisch, 18./17. Jh. V. Chr., gebrannter Ton. London, British Museum.
© The Trustees of the British Museum
Gipsabguss eines lebensgroßen Frauenkopfes, die "Dame von Warka". Uruk, späte Uruk-Zeit, 2. Hälfte 4. Jt. V. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/Olaf M. Teßmer
Gipsabguss eines lebensgroßen Frauenkopfes, die „Dame von Warka“. Uruk, späte Uruk-Zeit, 2. Hälfte 4. Jt. V. Chr.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/Olaf M. Teßmer
3D-Rekonstruktion des "Weißen Tempels", der auf einer 12 m hohen Terrasse steht. Uruk-Zeit, um 3450 v. Chr. © artefacts-berlin.de; wissenschaftliches Material: Deutsches Archäologisches Institut
3D-Rekonstruktion des „Weißen Tempels“, der auf einer 12 m hohen Terrasse steht. Uruk-Zeit, um 3450 v. Chr.
© artefacts-berlin.de; wissenschaftliches Material: Deutsches Archäologisches Institut
Tontafel: Lexikalische Liste mit 58 verschiedenen Schweinebezeichnungen. Uruk, Ende 4. Jt. v. Chr. Berlin, Vorderasiatisches Museum. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Tontafel: Lexikalische Liste mit 58 verschiedenen Schweinebezeichnungen. Uruk, Ende 4. Jt. v. Chr. Berlin, Vorderasiatisches Museum.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer
Löwenjagdstele aus Uruk. Uruk-Zeit, 4. Jt. V. Chr., Basalt. Bagdad, Iraq Museum, Kopie Vorderasiatisches Museum © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/Olaf M. Teßmer
Löwenjagdstele aus Uruk. Uruk-Zeit, 4. Jt. V. Chr., Basalt. Bagdad, Iraq Museum, Kopie Vorderasiatisches Museum
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/Olaf M. Teßmer
Rekonstruktion eines Kopfes einer überlebensgroßen Statue. Drei größere und vier kleinere Fragmente sind original erhalten. Uruk, Uruk-Zeit, Ende des 4. Jt. V. Chr., Gipsergänzung. Rekonstruktion: Stefan Geismeier, Vorderasiatisches Museum - SMB Foto: Olaf M. Teßmer, Vorderasiatisches Museum - SMB Universität Heidelberg, Uruk-Warka-Sammlung des DAI
Rekonstruktion eines Kopfes einer überlebensgroßen Statue. Drei größere und vier kleinere Fragmente sind original erhalten. Uruk, Uruk-Zeit, Ende des 4. Jt. V. Chr., Gipsergänzung. Rekonstruktion: Stefan Geismeier, Vorderasiatisches Museum – SMB
Foto: Olaf M. Teßmer, Vorderasiatisches Museum – SMB Universität Heidelberg, Uruk-Warka-Sammlung des DAI
Die Architektur der Ausstellung greift das Thema "Megacity" auf. Foto: Herr Gerharz
Die Architektur der Ausstellung greift das Thema „Megacity“ auf.
Foto: Herr Gerharz
Die Rekonstruktion zeigt den Blick in das Innere eines Heiligtums. Die Kalksteintafel im Vordergrund zeigt eine Göttin. Objekt des Deutschen Archäologischen Instituts, Orient Abteilung Foto: Herr Gerharz
Die Rekonstruktion zeigt den Blick in das Innere eines Heiligtums. Die Kalksteintafel im Vordergrund zeigt eine Göttin. Objekt des Deutschen Archäologischen Instituts, Orient Abteilung
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Der Zikkurrat der Ishtar ist dieser Vitrinenkomplex gewidmet. Heiligtümer dienten auch als Verwaltungsorte in der Megacity Uruk. Foto: Herr Gerharz
Der Zikkurrat der Ishtar ist dieser Vitrinenkomplex gewidmet. Heiligtümer dienten auch als Verwaltungsorte in der Megacity Uruk.
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Fachkundig legt diese Restauratorin letzte Hand an eine Reihe von Terrakotten. Foto: Herr Gerharz
Fachkundig legt diese Restauratorin letzte Hand an eine Reihe von Terrakotten.
Foto: Herr Gerharz
Die Forschungsgeschichte zu Uruk reicht weit zurück: Bereits vor 100 Jahren begann die Deutsche Orient-Gesellschaft mit systematischen Ausgrabungen. Foto: Herr Gerharz
Die Forschungsgeschichte zu Uruk reicht weit zurück: Bereits vor 100 Jahren begann die Deutsche Orient-Gesellschaft mit systematischen Ausgrabungen.
Foto: Herr Gerharz
Texttafeln mit Zusatzinformationen ergänzen die raumgreifende Inszenierung Foto: Herr Gerharz
Texttafeln mit Zusatzinformationen ergänzen die raumgreifende Inszenierung
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Inmitten der großzügigen Ausstellungsarchitektur erwarten Highlights wie diese Replik der sogenannten "Uruk-Vase" den Besucher. Foto: Herr Gerharz
Inmitten der großzügigen Ausstellungsarchitektur erwarten Highlights wie diese Replik der sogenannten „Uruk-Vase“ den Besucher.
Foto: Herr Gerharz